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urban gardening/ berlin, tempelhof
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„An Bord der Prinz Waldemar befand sich also der junge August Engelhardt
aus Nürnberg, Bartträger, Vegetarier, Nudist. Er hatte vor einiger Zeit in
Deutschland ein Buch mit dem schwärmerischen Titel „Eine sorgenfreie
Zukunft“ veröffentlicht, nun reiste er nach Neupommern, um Land zu kaufen
für eine Kokosplantage, wieviel genau, und wo, das wußte er noch nicht.
Er würde Pflanzer werden, doch nicht aus Profitgier, sondern aus zutiefst
empfundenem Glauben, er könne Kraft seiner großen Idee die Welt, die ihm
feindlich, dumm und grausam dünkte, für immer verändern.
Engelhardt war, nachdem er durch einen Eliminierungsprozeß alle anderen
Nahrungsmittel für unrein befunden hatte, unvermittelt auf die Frucht der
Kokospalme gestoßen. Es gab gar keine andere Möglichkeit; cocos nucifera
war, so hatte Engelhardt für sich erkannt, die sprichwörtliche Krone der
Schöpfung, sie war die Frucht des Weltenbaumes Yggdrasil. Sie wuchs an
höchster Stelle der Palme, der Sonne und dem lichten Herrgott zugewandt;
sie schenkte uns Wasser, Milch, Kokosfett und nahrhaftes Fruchtfleisch;
sie lieferte, einzigartig in der Natur, dem Menschen das Element Selen; aus
ihren Fasern wob man Matten, Dächer und Seile, aus ihrem Stamm baute
man Möbel und ganze Häuser; aus ihrem Kern produzierte man Öl, um die
Dunkelheit zu vertreiben und die Haut zu salben; selbst die ausgehöhlte,
leere Nußschale lieferte noch ein ausgezeichnetes Gefäß, aus dem man
Schalen, Löffel, Krüge, ja sogar Knöpfe herstellen konnte; die Verbrennung
der leeren Schale schließlich war nicht nur jener herkömmlichen Brennholzes
bei weitem überlegen, sondern auch ein ausgezeichnetes Mittel, um kraft
ihres Rauches Mücken und Fliegen fernzuhalten, kurz, die Kokosnuß war
vollkommen. Wer sich ausschließlich von ihr ernährte, würde gottgleich, würde
unsterblich werden. August Engelhardts sehnlichster Wunsch, ja seine Bestimmung
war es, eine Kolonie der Kokovoren zu erschaffen, als Prophet sah er sich
und als Missionar zugleich. Aus diesem Grunde fuhr er in die Südsee, die schon
unendlich viele Träumer gelockt hatte mit dem Sirenenruf des Paradieses.”

(Christian Kracht, Imperium)