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More works designed in the artists' stipend for a three-month stay in the north/west of Germany, at Clemenswerth Palace (Schloss Clemenswerth), an old hunting complex or jagdschloss built in Sögel by Clemens August of Bavaria. Drei monatiger Arbeitsaufenthalt in Sögel, in der Gloriette des Jagdschlosses Clemenswerth, im Rahmen eines Künstler-Stipendiums im Herbst/Winter 2007... Dazu aus Meister der komischen Kunst, Frank Hoppmann: "... Eingeschlossen für drei lange Monate in der Gloriette, direkt hinter den hohen dunklen Hecken des Klostergartens, fühlte ich dieses alte Jagdschloss im Hümmling, einer Geestlandschaft in der norddeutschen Tiefebene im Emsland. Dort gibt es nicht viel, einige Dörfer, die typischen Eichenwälder und Clemenswerth, mit all seiner Einsamkeit und Stille, grade in den Wintermonaten, den beängstigenden, dusteren Nächten mit nie zuvor wahrgenommenen Geräuschen. Licht gab es auch nicht viel, und wenn ich des Nachts das Radio anstellte, um der Einsamkeit ein wenig zu entfliehen, wurde das wenige Licht noch dürftiger. Es war ein verregneter Herbsttag 2007, als ich sie erstmals betrat, diese Gloriette, das damalige Gartenhaus des Kurfürsten Clemens August, welches ihm als Eremitage zur inneren Einkehr und Frömmigkeit diente. Sicherlich, das war lange her und mein erster Eindruck wurde geprägt durch einen muffigen Geruch und unzählige mir entgegen- schwirrende Fliegen. Und das in einer ängstlich wirkenden Geschwindigkeit. Sie be- wegten sich zu langsam, auch im Fluge wehten sie regelrecht nur so dahin, und dazu gab es diese Menge aus Halbtoten und Dahingeschiedenen, die wohl zum Sterben die Ecken des Inneren aufsuchten, welche übersät waren von ihnen. Mir blieb keine Wahl, damit hatte ich mich zu beschäftigen, das tat ich gerne, denn schließlich waren es meine ein- zigen Mitbewohner, auch wenn die noch Lebenden mit der Zeit noch langsamer und noch weniger wurden, ich trat ihnen mit Ehrfurcht und Respekt entgegen. Es war eine für mich wunderbare Zeit dort, voller Ein- und Hingabe, voller Inbrunst und Schaf- fenskraft, und das trotz oder gerade weil mich die ganze Zeit ein Gefühl des Unbeha- gens begleitete; ich hatte mir meine Furcht zum Werkzeug gemacht. Ich probierte, spielte und benutzte sie, und gottseidank ließ mich dieses Grauen nie ganz im Stich, selbst nach einigen Getränken nicht. Wie viele Fliegen ich letztendlich, fast ausschließ- lich des Nächtens, zeichnete, sei dahingestellt, es werden einige hundert gewesen sein. Doch nachdem ich mich vor dieser Zeit zwischen all den Leichen und Fliegenkadavern vorrangig und intensivst mit dem Zeichen von Portraits und Visagen beschäftigt hatte, und mir bewusst war, Fressen kann ich – konnte ich jetzt nach all den hunderten von Fliegen mit einem Wohlbehagen behaupten, fliegen kann ich nun auch..." Read Less
Published:
“There is no beauty without some strangeness” 
 
 Edgar Allan Poe

More works designed in the artists' stipend for a three-month stay in the north/west of Germany, at Clemenswerth Palace (Schloss Clemenswerth), an old hunting complex or jagdschloss built in Sögel by Clemens August of Bavaria.

Drei monatiger Arbeitsaufenthalt in Sögel, in der Gloriette des Jagdschlosses Clemenswerth, im Rahmen eines Künstler-Stipendiums im Herbst/Winter 2007
Dazu aus Meister der komischen Kunst, Frank Hoppmann:
"... Eingeschlossen für drei lange Monate in der Gloriette, direkt hinter den hohen dunklen Hecken des Klostergartens, fühlte ich dieses alte Jagdschloss im Hümmling, einer Geestlandschaft in der norddeutschen Tiefebene im Emsland. Dort gibt es nicht viel, einige Dörfer, die typischen Eichenwälder und Clemenswerth, mit all seiner Einsamkeit und Stille, grade in den Wintermonaten, den beängstigenden, dusteren Nächten mit nie zuvor wahrgenommenen Geräuschen. Licht gab es auch nicht viel, und wenn ich des Nachts das Radio anstellte, um der Einsamkeit ein wenig zu entfliehen, wurde das wenige Licht noch dürftiger.
Es war ein verregneter Herbsttag 2007, als ich sie erstmals betrat, diese Gloriette, das damalige Gartenhaus des Kurfürsten Clemens August, welches ihm als Eremitage zur inneren Einkehr und Frömmigkeit diente. Sicherlich, das war lange her und mein erster Eindruck wurde geprägt durch einen muffigen Geruch und unzählige mir entgegen- schwirrende Fliegen. Und das in einer ängstlich wirkenden Geschwindigkeit. Sie be-
wegten sich zu langsam, auch im Fluge wehten sie regelrecht nur so dahin, und dazu gab es diese Menge aus Halbtoten und Dahingeschiedenen, die wohl zum Sterben die Ecken des Inneren aufsuchten, welche übersät waren von ihnen. Mir blieb keine Wahl, damit hatte ich mich zu beschäftigen, das tat ich gerne, denn schließlich waren es meine einzigen Mitbewohner, auch wenn die noch Lebenden mit der Zeit noch langsamer und noch weniger wurden, ich trat ihnen mit Ehrfurcht und Respekt entgegen. Es war eine für mich wunderbare Zeit dort, voller Ein- und Hingabe, voller Inbrunst und Schaffenskraft, und das trotz oder gerade weil mich die ganze Zeit ein Gefühl des Unbehagens begleitete; ich hatte mir meine Furcht zum Werkzeug gemacht. Ich probierte, spielte und benutzte sie, und gottseidank ließ mich dieses Grauen nie ganz im Stich, selbst nach einigen Getränken nicht. Wie viele Fliegen ich letztendlich, fast ausschließlich des Nächtens, zeichnete, sei dahingestellt, es werden einige hundert gewesen sein. Doch nachdem ich mich vor dieser Zeit zwischen all den Leichen und Fliegenkadavern vorrangig und intensivst mit dem Zeichen von Portraits und Visagen beschäftigt hatte, und mir bewusst war, Fressen kann ich – konnte ich jetzt nach all den hunderten von Fliegen mit einem Wohlbehagen behaupten, fliegen kann ich nun auch..."
© Frank Hoppmann 2007