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Eclipse 2019 Argentina
Eclipse am Abend - erquicklich und labend!

Die Totale Sonnenfinsternis
vom 2. Juli 2019 am See der 2 Winde.
Saros 127 (58/82)

Gemeinsam mit Hildegard Werth und Stephan Heinsius (www.eclipseland.de) habe ich die Totale Sonnenfinsternis vom 2. Juli 2019 in Argentinien unweit des kleinen Städtchens Venado Tuerto beobachtet. Unser genauer Standort lag bei S 33.74100 und W 62.04196 an einem kleinen See, wie sie häufig in der Region Santa Fe vorkamen. Der See beherbergte ein kleines Biotop und war entgegen der meisten anderen Gewässer frei zugänglich. Umgeben von Schilf und Pampasgras bot uns dieser Platz eine malerische Kulisse für die schwarze Sonne, die hier in nur 4° Höhe über dem Horizont kurz vor Sonnenuntergang verfinstert wurde.

Der an diesem Tag kräftig auflebende Wind war eine Herausforderung für unsere Stative und die gesamte Ausrüstung. Ich stellte jedoch fest, dass sich die Schilfgras-Büschel als effiziente Barriere gegen die Windböen eigneten. Auf Kniehöhe war es fast perfekt windstill, und nur so gelang es überhaupt, scharfe Bilder der Finsternis zu schießen. Als zusätzlichen Windbrecher parkten wir den Mietwagen in Höhe der genutzten Grasbüschel, was die Situation weiter verbesserte. Dann begannen Stephan und ich mit dem Aufbau unserer Gerätschaften.

Ich gab dem See erst später den Namen El lago de 2 vientes, der See der 2 Winde. Denn die Windrichtung drehte während unseres Aufenthaltes relativ abrupt von Osten nach Südosten. Stephan und ich waren ca. eine halbe Stunde vor dem ersten Kontakt um 16:33:10 Uhr technisch wie mental einsatzbereit.
Eine Bilderbuch-Kulisse wie geschaffen für eine Sonnenfinsternis: Der See der 2 Winde bei Venado Tuerto, 2 Stunden vor dem Ersten Kontakt.
Wie geplant kamen 5 Kameras zum Einsatz:

EOS 60d + Maksutov MTO 500/f8 auf EQ2-Montierung
EOS 400d + Sigma Apo Tele 70-300mm bei 260mm auf EQ2-Montierung als Gegengewicht
EOS 400d + Canon EF 18-55mm bei 18mm
GoPro Hero4 silber, HD-Modus 1080x720px
iPhone X, 4K-Modus 60fps

Das wahrscheinlich beste Equipment hatte Hildegard Werth mitgebracht. Mit ihrem iPhone 6 dokumentierte sie Stephan und mich im Einsatz; solche Bilder und Videos der Stimmung und Vorbereitungen waren bisweilen nämlich extrem selten!
Auf die Motorhaube projizierte Sonnensichel durch das Fernglas von Stephan Heinsius.



Zum Ersten Kontakt zeigte sich der Himmel wie schon in den Stunden zuvor völlig wolkenfrei, bis auf einzelne, restliche Zirren am nördlichen Horizont. Das blieb auch so bis ca. 20 Minuten vor dem 2. Kontakt, als leichte Wolkenstreifen am Südhorizont in Richtung Sonne drifteten. Wir dachten uns schon, dass es knapp werden könnte, doch wie dramatisch knapp, das zeigte sich dann zum 2. Kontakt. Denn während der Wind allmählich nachließ und die Seevögel-Schwärme in undefinierte Richtungen flogen, reichten erste Wolkenstreifen-Nadeln bis über die gerade komplett verfinsterte Sonne. Ein doppelter Diamantring zeigte sich am rechten Sonnenrand, bis auch das letzte Licht erlosch. Trotz Wolkeneinfluss konnten wir die Totalität vollständig und ohne große Einschränken visuell beobachten. Meine 3 Spiegelreflex-Kameras wurden automatisch mit dem Promote-Control-Steuergerät ausgelöst. Die GoPro Hero 4 und das iPhone hatte ich in den Minuten zuvor manuell gestartet.

Außerdem beobachtete ich die Eclipse mit einem bildstabilisierten Fernglas von Canon, ein purer Genuss für die Augen. Ich konnte die relativ kleine Minimum-Korona, die Polarstrahlen und auch eine Protuberanz gut erkennen. Im Gegensatz zur großen „Schmetterlings-Korona“ vom August 2017 in den USA handelte es sich bei dieser Finsternis um eine relativ kleine, koronare Ausdehnung, die bei uns im westlichen Teil etwas eingeschränkt war durch die rein ziehende Wolkenfront.
Die Korona in 15 Einzelbildern, bearbeitet nach der Methode von Russell Brown.
So sah die EOS 400d mit dem Sigma-Apo-Teleobjektiv den 2. Kontakt.

Bei dieser tief stehenden Sonne traf der Kernschatten des Mondes außerordentlich schräg auf die Erdoberfläche. Als wollte er eine Pirouette drehen, schoss der Kernschatten von links zur Sonne und huschte rasch über sie hinweg. Und das war der Moment des berühmten Kaffeefiltertüten-Effektes, wie ich diese Erscheinung bei horizontnahen Finsternissen selbst einmal benannt hatte. In der Form eines riesigen „V“ stand der Kernschatten direkt über der Erde und wanderte sichtbar entlang der Dämmerungsfarben am Westhorizont.

So viele Eindrücke in so kurzer Zeit. Wir waren so sehr begeistert, dass keiner Notiz von den Umgebungssternen nahm. Die Venus war an unserem Standort bereits untergegangen, aber eigentlich hätte uns allen Sirius mit bloßem Auge auffallen müssen. Er verriet sich auf den Weitwinkel-Aufnahmen. Mein Blick ging allerdings in den Zenith, der zur Finsternismitte außerordentlich schwarz, und nicht blau erschien. In östlicher Richtung erstaunte mich der relativ aufgehellte Himmel, das hatte ich dunkler erwartet.
Mit dem 3. Kontakt sahen wir einen wunderbaren Diamantring-Effekt, in purem Weiß. Kaum schlich der auffällige Kernschatten davon wurde uns schnell klar, welches Glück wir hatten. Die tief verfinsterte Sonne stand erst einmal hinter den Wolken! Was nun folgte, war ein Katz- und Maus-Spiel mit den Sonnenfiltern. Oft reichte die Dichte der Wolkendecke zur Filterung der grellen Sonnen-Sichel, aber nicht immer.

Schlussendlich wanderte die Sonne auf die Baumgruppe am Horizont zu, es sollte noch einmal spannend werden. Wir konnten zunächst die Wanderung der Sichel relativ gut mitverfolgen. Als die halbe Sonne dann zwischen den fernen Bäumen stand, versperrten Wolken endgültig jede direkte Sicht, weswegen uns der Blick auf einen perfekten Untergang leider verwehrt blieb. Unser See war nun in malerisches Dunkelrot-orange getaucht. Was ein Tag, das war meine 11. zentrale Sonnenfinsternis :)
Nur wolkenbedingt konnte diese Aufnahme noch 25 Sekunden nach dem 3. Kontakt filterlos entstehen.
Flug zur Sonnen-Sichel.
Während des Ersten Kontaktes gab es ein kleines Interview von Millenial Social Media Television aus Venado Tuerto. Die Mitarbeiter sahen die Eclipse unweit von uns.


Auf uns warteten noch weitere Himmelsmotive. Alleine schon standortbedingt hätten wir den 4. Kontakt nicht sehen können, da er unterhalb des Horizontes stattfand. Nun kam unsere Wolkenbank wieder ins Spiel. Die unter dem Horizont befindliche Sonnensichel zauberte eine Krepuskular-Strahlung in den Himmel, wie ich sie bisweilen noch nicht einmal auf dem offenen Meer sehen konnte. Wir schauten entgegen des Sonnen-Untergangspunktes nach Nordosten. Dort liefen gleich mehrere rosa Strahlenbündel über den Zenith bis zum Hoizont – wir waren grenzenlos begeistert! Stephans GoPro Hero 3, in anti-solarer Blickrichtung justiert, fing diese Momente deutlich erkennbar ein, ein seltenes Filmdokument.
Die Abenddämmerung senkte sich über unseren See. Wir beschlossen, noch einige Aufnahmen des Süd-Sternenhimmels zu schießen. Wahrscheinlich war jetzt der beste und einzige Zeitpunkt auf dieser kurzen Reise gekommen, um dies zu tun. Zunächst nahm ich den See als Vordergrund, um einige Selbstaufnahmen mit dem Sternenhimmel anzufertigen. Mittlerweile kam der Wind völlig zur Ruhe, sodass sich Sterne auf der Wasseroberfläche spiegelten. Wahrlich bewegende, einmalige Momente!
Ich nahm mir die Klassiker des Südhimmels in den Sucher: Das Kreuz des Südens mit seinen 2 Pointern und dem Kohlensack, direkt daneben in östlicher Richtung das Sternen-Entstehungsgebiet des Eta-Carinae-Nebels, sowie den Skorpion inkl. eines kompletten „Stachels“, hoch über dem Horizont. Es war so toll, all diese Sternenbilder hier endlich wieder sehen zu können.

Obwohl die Uhr erst 20:10 Uhr Lokalzeit zeigte, waren wir mittlerweile alle durchgefroren und beschlossen, allmählich den Platz zu verlassen. Und in der Entfernung, an der Hauptstraße, rauschten nach wie vor unablässig die LKW vorbei.

Dank unseres vorreservierten Hotel-Zimmers in Venado Tuerto profitierten wir nun von einer gerade mal zehnminütigen Fahrt zu unserer Unterkunft für die Nacht. Daher konnten wir am Abend diesen Tag der Wunder in aller Ruhe beim gemeinsamen Abendessen im Hotel Riviera ausklingen lassen, und einen ersten Blick auf die Ergebnisse unserer Kameras werfen.

Dieser Kurzbericht beschreibt nur unsere Erlebnisse der Sonnenfinsternis. Der Tourbericht ist in Arbeit.
Alexander Birkner, 25.07.2019
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