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  • T T T T
    T H E   S T O R Y   " D I E   T R A D I T I O N E L L E   T O T E   T I E R E    T O M B O L A "
  • In 2010 I wrote a story about my experience in my childhood with a dead duck. Every time I worked on my story, it gets even more abstract and weird. The result is the story „Die Traditionelle Tote Tiere Tombola“, which I illustrated with collages in a small booklet. In the middle of it you can find a small pop-up illustration.
  • DIE TRADITIONELLE TOTE TIERE TOMBOLA
     
    Auf der nördlichen Halbkugel unseres Planeten befindet sich ein kleines Dorf in mitten von dunklen Riesen, die es bewachen. Hinein gibt es nur einen Weg, der über den Friedhof des Dorfes führt. Als Portal dient ein großes, schwarzes Eisentor, dessen Quietschen beim Öffnen dem Besucher einen kalten Schauer den Rücken hinunter treibt. Geht man weiter gelangt man an unzähligen Gräbern vorbei, die direkt an die alte Fleischerhalle anschließen. Es kommt einem endlos vor, wenn man den langen Kiesweg entlang läuft, bis man die kleine, grüne Lichtung vor der Kirche erreicht, hinter der sich der Marktplatz befindet auf dem alljährlich so wie heute ein großes Fest stattfindet: »Die Traditionelle Tote Tiere Tombola«. Das ganze Dorf hat sich zu diesem besonderen Anlass versammelt, der schon seit Jahrhunderten Tradition ist.
     
    Auch Klara ist da. Sie ist ein zehn Jahre altes, zierliches Mädchen mit langen Haaren und großen rehbraunen Augen. Sie steht mit ihren Freunden zusammen: Jakob Salzmann, der Sohn des Friedhofgärtners und Eric Schabrowski, der Sohn des Dorfmetzgers. Klaras Vater ist Jäger. Irgendwie haben alle Menschen in diesem Dorf merkwürdige Berufe, findet Klara zumindest.
     
    Die drei schleichen über den Marktplatz und beobachten das Geschehen. Rund herum, begleitet von Drehorgelmusik gibt es Stände, seltsame Karussells und Buden mit Speisen, die man nirgendwo anders findet. Blutzuckerwatte und Schmalzwaffeln mit Lebersirup. So etwas findet man nirgendwo sonst. In der Mitte des Platzes steht die Bühne für die Traditionelle Tote Tiere Tombola auf der die Tiere zum Ausbluten an Haken aufgehängt sind. Es ist ein beeindruckendes und zugleich ekelerregendes Bild, wie das heruntertropfende Blut sich auf dem Metallboden der Bühne sammelt und entlang der Kante, hinab auf die Kopfsteine des Marktplatzes, hinunter in die Tiefen der Kanalisation tropft. Klara stellt sich vor, sie könnte hören, wie die Bluttropfen in der Tiefe aufprallen. Da reißt sie ein lautes »Achtung, aus dem Weg!« aus ihren Gedanken. Herr Schabrowski, der Dorfmetzger drängelt mit seiner blutverschmierten Schürze und drei frischgeschlachteten Enten an Klara vorbei. Man fragt sich vielleicht, warum die Enten ausgerechnet auf der Bühne ausbluten müssen, aber das ist eben Tradition und die Menschen im Dorf mögen es nunmal so.
     
    Nun machen sich die drei auf den Weg zum Wurstkarussell von Herrn Sülz, der jedes Jahr aus Schnitzlingen anreist. Herr Sülz betreibt auch noch ein Innereienkarussell mit Nieren, Leber, Herz und Darm. Besonders beliebt ist jedoch sein Karussell mit den aufgeschnittenen Tieren und Schinken. Wie jedes Jahr streiten sich die Kinder, wer auf der Blutwurst, wer auf der Salami und wer auf der Herzwurst fahren darf. Die kleine Marie hat wie immer die Schinkenwurst mit Käse besetzt. Marie ist ein komisches Mädchen, findet Klara. Sie hatte schon über 15 Haustiere und hat alle selbst getötet. Ihre Eltern sind deswegen ganz stolz auf sie, aber Klara denkt, es ist einfach nur seltsam. Die Tiere liegen nun alle auf dem Friedhof am Dorfeingang. Das Karussell dreht sich weiter und weiter im Kreis und Klara denkt an Blutzuckerwatte, Schinkenkarussells und Schmalzwaffeln. Als das Karussell anhält rufen Eric und Jakob »Komm Klara, wir kaufen uns Lose!«
     
    Klara steht vor der Bühne. Zum Glück hat sie noch nie ein totes Tier gewonnen, wenn sie ein Los gekauft hat. Sie greift in den großen Topf, nimmt ein hellrosafarbenes Los heraus, rollt es langsam auf und liest mit großen Augen das Wort »GEWONNEN« »Oh je!«, denkt sie, aber bevor sie sich aus dem Staub machen kann, schieben sie Eric und Jakob durch das Gedränge zu dem dicken, fetten Fleischergeselle, der die Gewinne ausgibt. Er nimmt ihr den zerknitterten Zettel aus der Hand und sagt: »Oh, junge Dame, Gratulation, du hast eine Ente gewonnen. Da wird es heute Abend wohl einen leckeren Braten geben«
     
    Er nimmt eine der Enten vom Haken und streckt sie Klara entgegen. Klara, die Ente am ausgestreckten Arm verlässt die Tote Tiere Tombola, den Dorfplatz und geht hinunter zum See. Sie streichelt die weichen, blutverschmierten Federn und beschließt sie im seichten Wasser am Ufer zu waschen. Danach baut sie ihr liebevoll ein Kreuz aus zwei Ästen, bastelt ein kleines Schild auf dem »ENTE« steht und begräbt sie am Waldrand.